Berliner Zeitung, 5.2.2008: Nachbarn hinterm Büchertresen

Anwohner übernehmen geschlossene Bibliotheken – und das mit Erfolg

Stefan Strauss

PRENZLAUER BERG. Mehr als 4 000 Unterschriften und eine wochenlange Besetzung haben zum Erfolg geführt. Die Anwohner-Initiative „Pro Kiez Bötzowviertel“ kann die seit Ende 2007 geschlossene Kurt-Tucholsky-Bibliothek in der Esmarchstraße weiterführen. Als „öffentliche Bibliothek der anderen Art“ soll die Einrichtung Anfang April wieder öffnen. Mit einem Bestand von rund 28 000 Büchern, CDs und DVDs. Nur werden statt der Bibliotheksmitarbeiter ehrenamtlich arbeitende Bücherfreunde die Ausleihe übernehmen, sagt Klaus Lemmnitz vom Verein.

Damit wird ein Versuch fortgesetzt, der in vier anderen Büchereien schon länger gut funktioniert. Nachdem Bezirksämter Büchereien schließen mussten, um die Sparauflagen zu erfüllen, engagierten sich Anwohner, die Büchereien weiterzuführen. So haben Bewohner in Wilhelmsruh vor zwei Jahren die geschlossene Bibliothek in der Edelweißstraße übernommen, einen Verein gegründet und neue Räume gesucht. Auf dem Gelände der Firma ABB an der Hertzstraße kann der Verein Räume mietfrei nutzen, die Betriebskosten zahlt der Bezirk. „Unsere Bibliothek ist ein großer Erfolg“, sagt Heike Lemcke vom Verein. 7 000 Ausleihen gab es im vergangenen Jahr, etwa 3 000 Leser sind angemeldet, die jüngsten sind zwischen sieben und zehn Jahren alt, die ältesten zwischen 60 und 70. Kindergarten- und Schülergruppen kommen, zwölf ehrenamtliche Mitarbeiter sind zuständig für Ausleihe, Lesungen und Führungen.

So werden auch die Bücherfreunde in Prenzlauer Berg arbeiten: Die erste Etage in dem Gebäude sowie den gesamten Medienbestand können die Initiatoren nutzen, beides gehört dem Bezirk. Der übernimmt auch die Betriebskosten. 26 Menschen wollen ehrenamtlich in der Tucholsky-Bibliothek arbeiten. Am Mittwoch stellt Kulturstadtrat Michail Nelken (Die Linke) dem Bezirksparlament das Konzept vor. „Ich unterstütze das Projekt“ sagt er.

Im vergangenen Jahr hatte das Bezirksamt beschlossen, die Bibliotheken in der Esmarch- und in der Senefelderstraße zu schließen, elf Stellen wurden gestrichen. Dadurch reduzierte sich die Zahl der öffentlichen Bibliotheken auf sieben, vor einigen Jahren gab es noch 19.

Anfang Dezember besetzten Anwohner die Kurt-Tucholsky-Bibliothek, um gegen den „kulturellen Kahlschlag“ zu protestieren. Autoren und Schauspieler unterstützten die Aktion mit Lesungen. Noch heute gilt die Bibliothek als „kulturbesetzt“: Am 23. Februar um 16 und 17 Uhr spielt das Figurentheater Liselotte ein Stück für Kinder.

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