Berliner Morgenpost, 14.3.2008: Bürgerinitiative rettet Kiezbibliothek

Die Kurt-Tucholsky-Bücherei im Bötzowviertel wurde zum 31. Dezember geschlossen. Im April öffnet sie wieder
Von Sebastian Eberle

Prenzlauer Berg Die Kurt-Tucholsky-Bibliothek in Prenzlauer-Berg wird bald aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. Seit Ende des letzten Jahres ist die Bibliothek in dem alten Backsteingebäude an der Esmarchstraße geschlossen. An der hölzernen Eingangstür hängt ein Zettel: „Kultur gehört vor allem dort hin, wo die Menschen leben, in den Kiez, in die Bezirke“. Nun kehrt ein Stück Kultur zurück ins Bötzowviertel. Am Mittwochabend hatte die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Pankow einstimmig beschlossen, die Bibliothek wieder zu eröffnen. Damit revidierten die Bezirksverordneten ihre Entscheidung, die Bibliothek zum 31. Dezember 2007 endgültig zu schließen. Dieser Kehrtwende war eine einmalige Aktion der Bürger vorangegangen.
Der Schließungsbeschluss des Bezirks sprach sich im schicken Kiez mit seinen sanierten Altbauten wie ein Lauffeuer herum. Auf einer Bürgerversammlung bildete sich im November die Bürgerinitiative „Pro Kiez Bötzowviertel“. Um die Schließung noch in letzter Minute abwenden zu können, entschlossen sich die rund 30 Anwohner zu einer außergewöhnlichen Aktion.

Bürger besetzten die Räume

„Es war Gefahr in Verzug“, sagt der Sprecher der Initiative, Peter Venus. Am 30. November marschierten Venus und seine Mitstreiter zur Bücherei und nahmen kurzerhand den Veranstaltungsraum in der Hochparterre in Beschlag. „Wir haben die Bibliothek besetzt, mit dem Ziel sie offen zu halten“, so Venus. Ohne auf großen Widerstand zu stoßen, ließen sich die Kiezaktivisten in dem etwa 50 Quadratmeter großen Raum häuslich nieder – inklusive Schlafsäcken und Kaffeemaschine. „Wir sind da rein und haben guten Tag gesagt“, erinnert sich Venus. „Da kamen gleich jede Menge Kinder aus der benachbarten Kita, das war ´ne Riesen-Fete“. Auch die übrigen Bewohner des Bötzowviertels zeigten sich mit den Bibliotheksbesetzern, die in wechselnden Schichten rund um die Uhr vor Ort waren, solidarisch und brachten Essen und Getränke vorbei. An Weihnachten war jedoch Schluss mit der Besetzung. „Man hält so was ja nicht ewig durch“, sagt Peter Venus, der sich selbst als „glücklichen Rentner“ bezeichnet.

Parallel zur Besetzung hatte sich die Initiative Gedanken darüber gemacht, wie es mit der Bibliothek nach der offiziellen Schließung weitergehen könnte. Zusammen mit dem Kulturausschuss entwickelten die Pro-Kiez-Mitglieder ein Konzept, dass die Nutzung der Bibliothek sichern sollte. Da die gut besuchte Bibliothek nur deshalb schließen musste, weil der Bezirk gezwungen war, Personal einzusparen, einigte man sich auf einen Kompromiss: Die Bibliothek wird weiter Bestandteil der öffentlichen Bibliotheken Pankows und unter der Aufsicht des Amtes für Kultur und Bildung bleiben. Einzig die personellen Leistungen sollen vom neu gegründeten Verein Pro Kiez in ehrenamtlicher Tätigkeit erbracht werden. „Uns ist aber bewusst, dass der Weiterbetrieb durch uns kein Ersatz für professionelle Bibliotheksarbeit sein kann“, sagt Peter Venus. „Wir wollen deshalb keinesfalls ein Modell zur weiteren Stellenreduzierung schaffen.“

Jedoch ist der Initiative keine andere Wahl geblieben: „Wir wussten, wenn die Bibliothek erst einmal geschlossen und ihr Bestand auf andere Büchereien verteilt ist, dann bleibt sie für immer zu“, so Venus. „Daher ist es unser Ziel, die Bibliothek so lange offen zu halten, bis den Bezirken wieder ausreichend Mittel für Bildung und Kultur zur Verfügung gestellt werden und die Bibliothek wieder in staatlicher Regie betrieben werden kann“.

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