Pressemitteilung: Ständige Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Öffentlichen Bibliotheken Berlins gegen ehrenamtlich geführte Stadtteilbibliotheken

Kurt-Tucholsky-Bibliothek wieder gefährdet?

Die Ständige Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Öffentlichen Bibliotheken Berlins hat in ihrer Stellungnahme vom 12. September zum ehrenamtlichen Engagement in den Berliner Stadtbibliotheken, die uns vorliegt, sich gegen einen ehrenamtlichen Betrieb einer staatlichen Stadteilbibliothek ausgesprochen und die am kommenden Freitag tagende Konferenz des Verbundes der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) aufgefordert, in einer Grundsatzentscheidung solche Bibliotheken vom VÖBB auszuschließen. Dies könnte eine erneute Schließung der erst im Juni wiedereröffneten Kurt-Tucholsky-Bibliothek bedeuten.

Die Konferenz argumentiert dabei, dass „Ehrenamt keine Aufgaben der staatlichen Daseinsvorsorge und keine verfassungsgemäßen Grundrechte gewährleisten“ und „unbezahlte Arbeit nicht zu einer Abwälzung von Kosten oder zu einer Deprofessionalisierung der Bibliotheksarbeit“ führen dürfe. Weiter befürchtet die Konferenz, dass eine mögliche Unterschreitung anerkannter Standards und Qualitätsnormen eine angemessene, qualifizierte Reaktion der Bibliotheken auf die gestiegenen bildungspolitischen Anforderungen gefährde. Hier sind wir in völliger Übereinstimmung mit der Konferenz. Nur verkennt die Konferenz unseres Erachtens, dass eine geschlossene Bibliothek den formulierten Anforderungen selbstverständlich in keiner Weise gerecht werden kann. Deshalb hatten wir mit der Besetzung der Kurt-Tucholsky-Bibliothek im November das Ziel, deren Schließung zu verhindern, sie als Teil der Stadtbibliothek Pankow zu erhalten und gleichzeitig darum zu kämpfen, dass künftig den Stadtbezirken wieder ausreichend Mittel zur Verfügung gestellt werden, um auch ihre kulturellen und Bildungsaufgaben erfüllen zu können. Denn wir wissen, dass eine einmal geschlossene Bibliothek, deren Bestand verteilt ist und deren Räume anderer Nutzung zugeführt sind, auch bei ausreichenden Mitteln nicht mehr geöffnet werden wird. Vor  fünf Jahren gab es in Pankow (370.000 Einwohner) noch 20 Bibliotheken, heute noch acht. Berlinweit sind von früher 220 gerade 82 Stadtteilbibliotheken übriggeblieben.

Keiner von uns möchte zu einer Deprofessionalisierung im Bibliothekswesen beitragen. Wir würden uns freuen, wenn der Bezirk wieder eine hauptamtliche Bibliothekarsstelle in der  Kurt-Tucholsky-Bibliothek schaffen würde, und gern mit dem/der Bibliothekar/in zusammenarbeiten. Bis dahin versuchen wir, benutzerfreundlich und effektiv den Ausleihbetrieb zu gewährleisten.

Zu uns kommen Familien einmal pro Woche, die sonst ihren Weg höchstens einmal im Monat in die Bezirkszentralbibliothek gefunden haben. Ihre Kinder werden die Bibliotheken von morgen finanzieren – warum sollte ihren Eltern nicht der Service einer räumlich nahen, aber modernen und zentral vernetzten Bibliothek zustehen? Denn das bedeutet der strittige VÖBB-Anschluss. Die nur darin mögliche Recherche und Verlängerung via Internet ist mittlerweile für viele Bibliotheksnutzer eine Selbstverständlichkeit. Unsere Mitarbeiter sind übrigens professionell in der Benutzung des VÖBB-Systems geschult worden, so, wie die Angestellten der Stadtbibliothek. Es befremdet, ausgerechnet die Ausleihverbuchung via Scanner und Software sowie das Kassieren von Mahngebühren als Kernfunktion des altehrwürdigen Bibliothekarsberufes von der Konferenz genannt zu hören. Immerhin ist das VÖBB-System erst 2000 eingeführt worden! Hier sind offensichtlich politische Wünsche im Spiel, so dass nicht sein soll, was nicht sein darf. Zu Lasten des Benutzers.

Angeführt werden weiter datenschutzrechtliche Bedenken. Selbstverständlich haben unsere Mitarbeiter, wie auch bei ehrenamtlichen Mitarbeitern in Krankenhäusern oder in der Seniorenbetreuung üblich, eine Datenschutz- und Verschwiegenheitserklärung, wie im Vertrag mit dem Bezirk vereinbart, unterzeichnet. Sollte es trotzdem noch fragliche Punkte geben, so wären diese sicher lösbar, wie in vielen anderen Bereichen auch.

Von den Leiterinnen und Leitern der Berliner Stadtbibliotheken würden wir uns in gemeinsamem Interesse wünschen, engagierte Bürger im Bestreben, ihre Bibliotheken zu erhalten, zu unterstützen und mit ihnen und uns dafür einzutreten, dass den Bezirken wieder ausreichend Mittel zugewiesen werden, um Bibliotheken erhalten, stärken und wieder professionell führen zu können.

17. September 2008
Peter Venus
Sprecher Pro Kiez e.V.

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