Wir wollen nicht der Spielball der bibliothekspolitischen Auseinandersetzungen sein.

Leserbrief zum Artikel „Nicht zum Preis des bibliothekarischen Suizids“ von Stefan Rogge in der BuB 01/2009 von Dr. Nina Eilers-König, Vorsitzende Pro Kiez Bötzowviertel e.V.

Der Verein Pro Kiez Bötzowviertel wurde 2008 zum Erhalt der Kurt-Tucholsky-Bibliothek in Berlin-Pankow und auch zum Protest gegen das in den letzten Jahren grassierende Bibliothekssterben (www.bibliothekssterben.de) gegründet. Die Anzahl der Bibliotheken in Berlin hat sich von 1997 noch rund 200 bis heute auf weniger als 90 reduziert.

Bei der Kritik am Ehrenamt wird von Herrn Rogge in BUB 01/2009 leider Ursache und Wirkung vertauscht: wir engagieren uns als Folge und sind nicht Anlass der Personalkürzungen im Berlin-Pankower Bibliotheksbereich. Unser Engagement ließe sich niemals von oben verordnen und wäre daher auch kein Mittel um weitere Schließungen weich abzufedern. Im Gegenteil, wir haben den Betreibervertrag für die Kurt-Tucholsky-Bibliothek im Bötzowviertel nach langem Protest, harten Verhandlungen und quasi gegen unseren Willen, eben als letztbeste Lösung angenommen. Für welchen der Beteiligten sollen demnach weitere solche Lösungen nahe liegen?

In sieben Jahren fand sich gerade ein Nachahmer des Modells der Thomas-Dehler-Bibliothek. Dass wir aber nur die Arbeitsstätte und bezirkliche Infrastruktur erhalten konnten, nicht die Stellen, liegt in der desolaten finanziellen Situation der Berliner Bezirke begründet. Diesen wird durch die Landeszuweisung der Bibliotheksmittel nach dem Ausgabenmittelwert aller Bezirke (Median) ein gnadenloser Wettbewerb auferlegt. Als Ehrenamtliche sind wir jetzt dabei, in diesem Wettkampf der Bezirke aufgerieben zu werden. Haben wir nicht genug Ausleihen, droht wieder die Schließung. Haben wir genug, prangern das andere Bezirke an: der Bezirk Pankow bereichere sich auf ihre Kosten.

Wir wollen nicht der Spielball der bibliothekspolitischen Auseinandersetzungen sein.

Jeden Monat fragen wir uns, ob unser Engagement umsonst war, ob die Kurt-Tucholsky-Bibliothek noch eine bezirkliche Bibliothek genannt werden oder weiter am Verbund der Berliner Bibliotheken (VÖBB) teilnehmen darf.

Am VÖBB-Verbuchungsmodul der Kurt-Tucholsky-Bibliothek und damit mit Zugriff auf die Daten sitzen heute insgesamt zehn Ehrenamtliche, die bezirklich geschult wurden. Die betreffenden Freiwilligen nehmen ihre Aufgabe sehr ernsthaft und gewissenhaft wahr. Einsicht in Benutzerdaten wird grundsätzlich nur bei Vorlage des Leseausweises oder eines gültigen Personalausweises genommen. Jedes sonstige Vereinsmitglied bekommt somit Auskunft genau über seine eigenen Benutzerdaten, wie alle anderen Nutzer. Sanktionen sind bei Missbrauch sowohl den Freiwilligen als auch dem Verein gegenüber vertraglich vorgesehen.

Nur durch den Schulhof vom Bibliotheksgebäude getrennt liegt eine Europagrundschule. Die Klassen der Schuleingangsstufe besuchen mit ihren Pädagogen regelmäßig die Bibliothek zur Einführung in die Benutzung und zum Büchertausch. Die Freiwilligen wurden dazu von hauptamtlichen Mitarbeitern eingewiesen. Ohne hauptamtliche Unterstützung könnten wir diese Angebote gar nicht leisten und ohne Verbund- und Fernleihe würde sich das Angebot für die Kunden stark beschränken.

Wir wünschen uns einen respektvollen Umgang zwischen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen, so dass zutrifft, was auf der Homepage der von Herrn Rogge stellvertretend geleiteten Stadtbibliothek Berlin-Mitte zu finden ist : „Ehrenamtliche freiwillige Arbeit – Ihr Engagement und Ihre Unterstützung für unsere Bibliotheken ist uns wichtig und willkommen. ..Engagieren Sie sich in Ihrem lokalen Umfeld, in dem Sie die Bibliothek in Ihrer Nähe ansprechen.“ Genau das haben wir getan, sonst gäbe es die Kurt-Tucholsky-Bibliothek in einem Kiez mit zwei Schulen und mehr als zehn Kindergärten nicht mehr.

Gerade Berlin mit seiner ausgeprägten Kiezstruktur und seiner im Bundesdurchschnitt armen Bevölkerung braucht eine lokale, überschaubare, aber qualitativ hochwertige Deckung des Medienbedarfs. In der Berliner Bibliothekslandschaft und im VÖBB muss es deshalb Platz und ausreichend Mittel für den Erhalt aller professionell geführten kleineren Stadtteilbibliotheken geben! Viele der bezirklichen Stadtteilbibliotheken Berlins genügen möglicherweise nicht den von der Ständigen Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Öffentlichen Bibliotheken Berlins im Dezember für die VÖBB-Teilnahme verabschiedeten Standards. Sollen diese wirklich zu „sozialen Bücherstuben“ umbenannt werden (BuB 11/12 2008) ?

Es ist zu erwarten, dass die flächendeckende Einführung der RFID-Technik im nächsten Jahrfünft in Berlin das Umfeld und Berufsbild des Bibliothekars einer öffentlichen Bibliothek wesentlich verändern wird – stärker als zwei ehrenamtlich erhaltene Bibliotheken. Die Diskussion ums Ehrenamt lenkt ab von den eigentlichen Umwälzungen.

Download der gedruckten Version im PDF-Format.

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